Indien: Gandhis Einsatz im indischen Freiheitskampf


Indien: Gandhis Einsatz im indischen Freiheitskampf
Indien: Gandhis Einsatz im indischen Freiheitskampf
 
Bis in die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war das indische Aufbegehren gegen die britische Fremdherrschaft auf kleine Kreise der indischen Bildungsbürger beschränkt geblieben, die entweder eine nationalliberale Verfassungsgläubigkeit zeigten oder mit nationalrevolutionärem Pathos die Freiheit als ihr Geburtsrecht einforderten, ohne dieser Forderung Nachdruck verleihen zu können. Terroristische Anschläge der nationalrevolutionären jüngeren Generation konnten das System der britischen Herrschaft nicht erschüttern. Nur ein Bauernaufstand hätte die Briten wirklich herausfordern können, aber mit Pächterschutzgesetzen und ähnlichen Maßnahmen hatten die Briten die Bauern zunächst auf ihre Seite gebracht. Der Anstieg der Agrarpreise im Krieg begünstigte die Bauern und schuf nur in den Städten Unruhepotenzial.
 
Die indische Honoratiorenpolitik wurde bald nach dem Krieg radikal umgestaltet, als Mohandas Karamchand (Mahatma) Gandhi die Führung des Freiheitskampfes übernahm. Er hatte sich zunächst durch den Einsatz für die indische Minderheit in Südafrika einen Namen gemacht. 1869 in dem kleinen indischen Fürstenstaat Porbandar, Gujarat, geboren, hatte er in London Jura studiert und war von einem indischen Geschäftsmann, einem Muslim aus Gujarat, nach Südafrika entsandt worden, um dort einen anderen Gujarati-Muslim in einem Rechtsstreit zu vertreten. Danach hätte er nach Indien zurückkehren können, doch die diskriminierenden Gesetze, die den Indern in Südafrika auferlegt wurden, forderten ihn zum Protest heraus. Er organisierte Kampagnen des passiven Widerstands gegen solche Gesetze. Doch da dieser Widerstand zwar gewaltfrei, aber alles andere als passiv war, gab er ihm einen neuen Namen: Satyagraha, »Festhalten an der Wahrheit«. Die Wahrheit sah er nicht als gegeben an, man musste sie durch die konkrete Verpflichtung zum Übertreten ungerechter Gesetze erfahren. Deshalb nannte er später seine Autobiographie »Meine Experimente mit der Wahrheit«.
 
Bereits 1909 hatte Gandhi in Südafrika sein Manifest »Hind Swaraj« veröffentlicht, in dem er die Nichtzusammenarbeit mit den Kolonialherren als Methode eines gewaltfreien Freiheitskampfes empfahl. Während des Ersten Weltkriegs war ihm eine politische Betätigung in Indien nicht möglich. Er musste sich mit kleineren Kampagnen begnügen. So setzte er sich für die von britischen Indigopflanzern im Bezirk Champaran, Bihar, ausgebeuteten Bauern ein, organisierte eine erfolgreiche Grundsteuerverweigerungskampagne in einem Bezirk Gujarats und einen Textilarbeiterstreik in Ahmadabad. Nationale Bedeutung errang er aber erst nach dem Krieg durch eine Kampagne gegen die Rowlatt-Gesetze. Das waren von dem Richter Sir Sidney Rowlatt entworfene Ermächtigungsgesetze, die an die Stelle der Notstandsgesetze treten sollten, die bei Kriegsende ihre Gültigkeit verloren. Diese Gesetze waren höchst ungerecht; da sie aber nur Ermächtigungsgesetze waren, ließen sie sich nicht gezielt übertreten. Gandhi rief statt dessen einen »Hartal« aus, eine Art religiösen Generalstreik, bei dem alle Geschäftsleute ihre Geschäfte schlossen und fasteten und beteten, wobei sie nicht gestört werden durften. Gandhi konnte nicht verhindern, dass Demonstrationen in diesem Kontext in gewalttätige Ausschreitungen übergingen, und erklärte später, er habe einen »Fehler von der Größe des Himalaya« gemacht. Er musste daher bei späteren Kampagnen den Gegenstand und die Methode des Protests genauer definieren.
 
 »Nichtzusammenarbeit« von 1920/21
 
Als Gandhi 1920 eine Kampagne der Nichtzusammenarbeit mit den Kolonialherren begann, reagierte er damit auf zwei verschiedene Herausforderungen. Zum einen empörten sich die indischen Muslime über die Behandlung des türkischen Kalifen durch die Siegermächte, zum anderen forderte man von der Regierung eine Sühne für das Massaker, das der britische General Reginald Dyer im Vorjahr unter einer unbewaffneten Menge in Amritsar angerichtet hatte. Der Kalif wurde von den indischen Muslimen umso mehr verehrt, als sie selbst nicht unter islamischer Herrschaft leben konnten. Gandhi verbündete sich mit ihnen, weil ihn ihre Opferbereitschaft beeindruckte. Er konnte noch nicht ahnen, dass die Türken das Amt des Kalifen selbst bald abschaffen sollten.
 
Das Massaker von Amritsar
 
Das Massaker hatte mit dieser Bewegung der Muslime nichts zu tun. General Dyer wollte ein Exempel statuieren, als er seine Soldaten so lange auf eine in einem umfriedeten Platz versammelte Menge schießen ließ, bis etwa 400 Menschen tot zurückblieben. Die Versammlung war vermutlich von Provokateuren organisiert worden, es war kein Versuch unternommen worden, sie von vornherein zu verhindern oder zur Auflösung aufzufordern. Die Massenexekution sollte Furcht und Schrecken verbreiten, doch statt das Ansehen der Kolonialmacht zu stärken, brachte sie diese in Misskredit. Zwei Berichte wurden darüber veröffentlicht, der eine war im Auftrag des Nationalkongresses von Gandhi geschrieben worden. Er war nüchtern und wahrheitsgetreu. Kurz darauf erschien der offizielle britische Bericht, der sich durch Schönfärberei auszeichnete. Die Empörung über diesen Bericht und die Bewegung der Muslime kamen zusammen, und Gandhi fand weit reichende Unterstützung für das Programm der Nichtzusammenarbeit. Er verkündete einen Boykott der Gerichte, Universitäten und Schulen und schließlich auch der gerade bevorstehenden Wahlen. Der Wahlboykott zwang die Kongresspolitiker, die sich ihm angeschlossen hatten, zur tatkräftigen Unterstützung der anderen Programmpunkte, denn nachdem sie den parlamentarischen Pfad verlassen hatten, konnten sie sich nur noch auf diese Weise profilieren.
 
Bürgerlicher Ungehorsam
 
Die Regierung verhaftete Gandhi nicht, um kein Öl ins Feuer zu gießen, und wartete darauf, dass die verschiedenen Boykottaktionen den Reiz der Neuheit verloren. Das geschah denn auch, und daher wollte Gandhi 1922 von der Nichtzusammenarbeit zum bürgerlichen Ungehorsam übergehen und hatte dazu die Steuerverweigerung im Unterbezirk Bardoli, Gujarat, ausersehen. Doch als im Dorf Chauri Chaura in Nordindien eine aufgebrachte Menge Polizisten in ihrer Station einschloss und verbrannte, blies Gandhi die ganze Kampagne ab, weil er diese Untat als Zeichen für den Übergang zur unkontrollierten, sporadischen Gewalt ansah. Nun schlug die Regierung zu, verhaftete ihn und stellte ihn vor Gericht. Er wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verteidigte sich nicht, sondern nützte die ihm gewährte Redezeit, um zu erklären, warum er aus einem loyalen Bürger des britischen Weltreichs zum Rebellen geworden war. In Großbritannien war die Labour Party an die Macht gekommen. Die britisch-indische Regierung wollte einer Anordnung aus London zuvorkommen und nahm eine Blinddarmoperation Gandhis zum Anlass, um ihn schon nach zwei Jahren aus der Haft zu entlassen.
 
Viele Zeitgenossen betrachteten Gandhi nun als einen Mann, der mit leeren Händen dastand und seinen politischen Einfluss verloren hatte. Doch bereits 1930 bat man ihn, die Strategie einer neuen Kampagne zu entwerfen, nachdem Verhandlungen über die Gewährung des Dominionstatus für Indien gescheitert waren. Wäre Indien damals zum gleichberechtigten Mitglied des Commonwealth geworden, hätte die indische Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen. Aber Indien war noch ein Schuldner der Briten, den diese im Griff behalten wollten. Die Schulden hatten die Briten im Namen der Inder gemacht, und der Nationalkongress hatte bekundet, dass ein freies Indien diese Schulden nicht anerkennen könne. Die Konfrontation war unvermeidlich und wurde durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise noch verschärft.
 
 Salzmarsch 1930
 
Gandhi dachte lange darüber nach, welches ungerechte Gesetz wirkungsvoll übertreten werden konnte. Die Kampagne sollte sich nur gegen die britisch-indische Regierung richten, aber keinen Klassenkampf unter den Indern auslösen. Das Salzmonopol der Regierung bot eine willkommene Angriffsfläche. Der Verzehr von Salz war im heißen Indien dringend notwendig, auch die Ärmsten der Armen konnten nicht darauf verzichten. Man durfte es nur von Vertragshändlern kaufen, die die entsprechende Steuer zahlten. Privates Salzsieden, selbst für den Hausgebrauch, war strafbar. Ehe Gandhi mit der Kampagne begann, veröffentlichte er eine Liste von elf Punkten, die er die »Substanz der Unabhängigkeit« nannte. Dazu zählte nicht nur die Abschaffung der Salzsteuer, sondern auch die Kürzung der Grundsteuer um die Hälfte, die Drosselung des Militärhaushalts, die Abwertung der Währung, die Einführung von Schutzzöllen und vieles andere mehr. Gandhi wusste, dass die Briten diese Forderungen nicht erfüllen konnten, ohne ihre Herrschaft aufzugeben, aber er hatte mit diesen elf Punkten die verschiedensten indischen Interessengruppen angesprochen.
 
Ausweitung zum Massenprotest
 
Mit einer Schar seiner Getreuen brach Gandhi von seinem Ashram in der Nähe von Ahmadabad zu einem langen Marsch an die Küste Gujarats auf. Die Spannung stieg von Tag zu Tag. Schließlich las Gandhi Anfang April 1930 am Strand von Dandi ein Bröckchen Salz auf und machte sich damit strafbar. Überall in Indien machten es ihm seine Anhänger nach. Die Gefängnisse waren bald bis zum Bersten gefüllt. Als dann nach der Weizenernte im Juli die Getreidepreise unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise rasch und tief fielen, schlossen sich viele Bauern der Weizenanbaugebiete der Protestbewegung an. Der Reispreis blieb zunächst noch hoch, fiel aber im Januar 1931, als die Winterreisernte auf den Markt kam, umso rascher und tiefer. Das trieb auch die Bauern Ostindiens zum Widerstand. Vizekönig Lord Irwin fürchtete einen allgemeinen Bauernaufstand und lud Gandhi Ende Februar 1931 zu Gesprächen ein, die schließlich zu einem Pakt zwischen Gandhi und ihm führten.
 
Der Vizekönig stand am Ende seiner Amtszeit und wollte sie mit einem Friedensschluss krönen, der auch den Bauernaufstand verhinderte, den er fürchtete. In den Reisgebieten Birmas war bereits ein blutiger Bauernaufstand ausgebrochen, der erst nach Jahresfrist vom Militär niedergeschlagen werden konnte. Winston Churchill wetterte im britischen Parlament, welche Schande es sei, dass ein halbnackter, rebellischer Fakir gleichberechtigt mit dem Vertreter des Königs verhandeln dürfe. Dem »Fakir« ging es bei den Verhandlungen mehr um die Demonstration der Gleichberechtigung als um die Gegenstände, über die verhandelt wurde. Er musste seine Kampagne suspendieren und Irwin machte ihm keine besonderen Zugeständnisse, sondern nötigte ihm auch noch das Versprechen ab, die nächste Konferenz am Runden Tisch in London im Herbst 1931 zu besuchen.
 
Am Runden Tisch
 
Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Irwin den Fehler gemacht, der Entsendung einer Verfassungskommission unter Vorsitz des liberalen Politikers John Simon zuzustimmen, die nur aus britischen Parlamentsabgeordneten bestand und dann überall in Indien mit schwarzen Fahnen und dem Ruf »Simon, go back« begrüßt wurde. Die Inder fühlten sich brüskiert, weil die bevorstehende Verfassungsreform ohne ihre Mitwirkung gestaltet werden sollte. Die Konferenzen am Runden Tisch sollten dieser Mitwirkung dienen, der Nationalkongress hatte jedoch die erste Konferenz boykottiert; Irwin war daher umso mehr darum bemüht, Gandhi für die Teilnahme an der zweiten Konferenz zu gewinnen, die im Herbst 1931 stattfinden sollte. Gandhi war nicht an der Konferenz interessiert, sondern an einem Gespräch mit Premierminister James Ramsay MacDonald, mit dem er auch einen Pakt zu schließen hoffte. Er ließ sich deshalb vom Nationalkongress als Alleinbevollmächtigter nach London entsenden. Doch als Gandhi in London eintraf, war die Labour-Regierung gerade gestürzt worden, weil sie die Wirtschaftskrise nicht bewältigen konnte. MacDonald verblieb als Premierminister einer großen Koalition im Amt, die von den Konservativen und Liberalen beherrscht wurde, in deren Händen er eine ohnmächtige Geisel war. Gandhi musste lange auf ein Gespräch mit ihm warten, und als es stattfand, verlief es für ihn sehr enttäuschend.
 
Die Kommissionssitzungen am Runden Tisch waren für Gandhi ebenso frustrierend. Die Fragen der zukünftigen Vertretung der indischen Minderheiten standen im Vordergrund. Da die Muslime bereits separate Wählerschaften hatten, sollten diese nun auch den Unberührbaren zugestanden werden. Gandhi kündigte schon in London an, dass er darauf mit einem Fasten bis zum Tode reagieren werde, schloss sich aber einem Votum an, dass MacDonald um einen Schiedsspruch in dieser Angelegenheit gebeten werden solle.
 
 Das »Epische Fasten«
 
Nach Gandhis Rückkehr begann die Kampagne des bürgerlichen Ungehorsams erneut, und er wurde sofort verhaftet. Im Gefängnis erreichte ihn die Nachricht vom Schiedsspruch des Premierministers, der den Unberührbaren separate Wählerschaften zusicherte, aber die Möglichkeit offen ließ, dass die Betroffenen sich um eine Alternative bemühen konnten. Gandhi begann sein Fasten »bis zum Tode«, das als »Episches Fasten« bezeichnet wurde. Er hatte früher schon gefastet, dann aber jeweils eine begrenzte Zeit angesetzt und niemals gesagt, dass er sich zu Tode fasten werde. Bhimrao Ramji Ambedkar, der Führer der Unberührbaren, geriet unter enormen moralischen Druck und suchte Gandhi im Gefängnis auf. Sie schlossen einen Pakt, mit dem die separaten Wählerschaften durch eine beträchtliche Zahl reservierter Sitze ersetzt wurden, bei denen die unberührbaren Kandidaten allerdings die Unterstützung der allgemeinen Wählerschaft finden mussten. Gandhis Fasten hatte nicht nur diesen Kompromiss bewirkt, sondern auch dazu geführt, dass den Unberührbaren viele Tempel geöffnet wurden, die sie zuvor nicht betreten durften. Die Kampagne des bürgerlichen Ungehorsams verlief jedoch im Sande und wurde von Gandhi zunächst ausgesetzt und schließlich ganz beendet.
 
 Die parlamentarische Arena
 
Gandhi hielt im Grunde nichts von den britisch-indischen Verfassungsreformen und glaubte, dass Indien in diesem Rahmen nie seine Freiheit erringen könne. Doch wenn er keine Kampagne führte, konnte er die Politiker des Nationalkongresses nicht daran hindern, in die parlamentarische Arena zurückzukehren. Bereits bei den Wahlen zum Zentralparlament (Imperial Legislative Council), die 1934 abgehalten wurden, erzielten Kongresskandidaten bemerkenswerte Erfolge. Im Jahr darauf wurde vom britischen Parlament das umfangreiche Gesetz (Government of India Act) verabschiedet, das den Rahmen für die weitere politische Entwicklung Indiens zog. Es sah einen Bundesstaat mit »autonomen« Provinzen vor, in denen die Regierung ganz in indischen Händen liegen sollte. Die Zentralregierung blieb unreformiert, weil die Verfassung vorsah, dass mindestens die Hälfte der indischen Fürsten dem Bundesstaat beitreten müssten, um diesen ins Leben zu rufen. Die Fürsten fürchteten sich vor den finanziellen Konsequenzen und blieben ihm fern.
 
Der Nationalkongress gewinnt die Wahlen
 
Der Wahlkampf wurde von Jawaharlal Nehru mit großem Elan geführt. Er war 1936 zum Kongresspräsidenten gewählt worden und arbeitete eng mit Gandhi zusammen, obwohl er in vieler Hinsicht anderer Meinung war als der Mahatma. Nehru wollte die Wahlen gewinnen, dann aber die Regierungsbildung verweigern. Als die Wahlen gewonnen waren, drängten die Kongresslandesverbände zur Regierungsbildung. Die reicheren Bauern, die zum ersten Mal das Wahlrecht erhalten hatten, erwarteten vom Nationalkongress Hilfe in der Not, die sie seit dem Beginn der Wirtschaftskrise bedrängte. Die Briten hatten ihnen das Wahlrecht gegeben, weil sie hofften, dass sie für probritische Parteien stimmen würden, doch die Krise hatte einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Auch Gandhi setzte sich für die Regierungsbildung ein, und der Nationalkongress konnte in sieben der neun Provinzen Britisch-Indiens die Ministersessel besetzen. Im Pandschab und in Bengalen kamen regionale Parteien zum Zuge. Die Muslimliga unter der Führung von Mohammed Ali Jinnah scheiterte bei diesen Wahlen kläglich. Jinnahs Radikalisierung, die später zur Teilung Indiens führen sollte, begann mit dieser Niederlage.
 
Der Nationalkongress konnte sich seiner neuen Rolle als Regierungspartei nicht lange erfreuen, weil man bei Kriegsbeginn die Regierungsbeteiligung wieder aufgab. Die Briten weigerten sich, ihre Kriegsziele zu definieren. Zwar versprach die Atlantikcharta allen Völkern die Freiheit, aber Churchill hatte deutlich gemacht, dass sich dies nicht auf die britischen Kolonien beziehe. Die Briten nutzten Indien als Etappenstation des Weltreichs, setzten rund zwei Millionen indischer Soldaten an allen Fronten ein und kauften Kriegsbedarf bei der indischen Industrie auf Kredit. Erst als die Japaner blitzschnell vordrangen, und die Amerikaner mahnten, man möge den indischen Nationalisten Zugeständnisse machen, wurde Sir Stafford Cripps, ein Mitglied des britischen Kabinetts, nach Indien entsandt, um mit dem Nationalkongress zu verhandeln.
 
 »Quit India!« — und die Augustrevolution
 
Im April 1942 traf Cripps in Indien ein. Er war mit Nehru befreundet und hoffte auf einen raschen Verhandlungserfolg. Es sollte sofort eine nationale Regierung unter Beteiligung des Nationalkongresses gebildet werden, und Indien wurde die Unabhängigkeit nach Kriegsende versprochen. Gandhi meinte, dieses Angebot gliche einem ungedeckten Scheck, und beteiligte sich nicht an den Verhandlungen. Nehru ließ sich auf die Verhandlungen ein, die schließlich daran scheiterten, dass Cripps keine Auskünfte über die Zuständigkeiten eines indischen Verteidigungsministers geben konnte. Auch seine Zusicherung, dass der Vizekönig sich der nationalen Regierung gegenüber wie ein konstitutioneller Monarch verhalten werde, blieb ohne dessen Bestätigung unglaubwürdig. Der Vizekönig, Lord Linlithgow, war ein treuer Gefolgsmann Churchills und unterstützte Cripps nicht, der unverrichteter Dinge abreisen musste.
 
Nach dem Scheitern dieser »Cripps Mission« musste der Nationalkongress Flagge zeigen. Gandhi wurde beauftragt, eine neue Kampagne zu gestalten. Er rief den Briten zu: »Quit India!« — und meinte damit, sie sollten angesichts der rasch vorrückenden Japaner Indien verlassen, solange noch Zeit dazu sei. Doch ehe Gandhi in der Lage war zu erklären, wie die neue Kampagne aussehen sollte, wurden er und alle anderen Kongressführer ins Gefängnis geworfen. Darauf brach eine chaotische Rebellion der jüngeren Generation aus: Telegrafendrähte wurden zerschnitten, Eisenbahnschienen entfernt, Polizeistationen besetzt. Im Nachhinein nannte man diese Unruhen die »Augustrevolution«, sie hatte auch nicht länger als diesen einen Monat gedauert. Kurz darauf wendete sich das Kriegsglück zugunsten der Alliierten. Die Amerikaner schlugen die Japaner im Pazifik, die Russen die Deutschen bei Stalingrad. Die Briten in Indien konnten den Krieg aussitzen und die indischen Nationalisten im Gefängnis lassen. Nach dem Krieg machten sich dann alle ungelösten politischen Probleme wieder bemerkbar, die schließlich zur Teilung des Landes und zu einem blutigen Bruderzwist führten.
 
Prof. Dr. Dietmar Rothermund
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Dominion: Dominions und die Empirekonferenzen
 
Indien: Die Teilung des indischen Subkontinents nach dem Zweiten Weltkrieg
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Indien: Indien unter britischer Herrschaft
 
 
Leue, Horst-Joachim: Britische Indien-Politik, 1926-1932. Motive, Methoden und Mißerfolg imperialer Politik am Vorabend der Dekolonisation. Wiesbaden 1981.
 Rothermund, Dietmar: Mahatma Gandhi. Eine politische Biographie. München 21997.
 Rothermund, Dietmar: Die politische Willensbildung in Indien. 1900-1960. Wiesbaden 1965.
 Simon, Werner: Die britische Militärpolitik in Indien und ihre Auswirkungen auf den britisch-indischen Finanzhaushalt 1878-1910. Wiesbaden 1974.
 Voigt, Johannes H.: Indien im Zweiten Weltkrieg. Stuttgart 1978.

Universal-Lexikon. 2012.

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